Analyse: Der Jannik Sinner-Effekt – Wie der Herrentennis-Sport im Umbruch ist angesichts einer Doping Sperre

Tennis News
Donnerstag, 27 März 2025 um 12:45
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Mitte Februar wurde bestätigt, dass Jannik Sinner vom 9. Februar bis zum 4. Mai 2025 für den Tennissport gesperrt ist. Allerdings räumte die WADA ein, dass der italienische Spieler nicht absichtlich betrogen habe. Ein Monat später bleibt Sinner dennoch an der Spitze der ATP-Rangliste, während sich das Herrentennis in einem Zustand des Umbruchs befindet.

Anstatt von Sinners Abwesenheit zu profitieren, haben die Topspieler die Chance nicht genutzt. Lediglich Alexander Zverev und Novak Djokovic sind noch im Rennen der Miami Open. Beide hatten bei Indian Wells zu kämpfen, und Zverev, der in Acapulco, Buenos Aires und Rio antrat, konnte dort nur mit Mühe Siege erringen. Besonders gegen argentinische Spieler – allen voran Sebastián Báez – hatte er Schwierigkeiten.

Diese Situation erinnert an Carlos Alcaraz’ verpasste Gelegenheit im Jahr 2023. Hätte er während der Asien-Tour starke Leistungen gezeigt, hätte er die Nummer 1 Position übernehmen können. Doch stattdessen schwächelte er – ein Beweis für Sinners großen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz. Nun fällt Djokovic in Miami automatisch die Führungsrolle zu. Alle vier Halbfinalisten von Indian Wells – darunter Alcaraz, Holger Rune und Jack Draper – schieden früh aus.

Dieses Phänomen beschränkt sich nicht nur auf das Herrentennis. Auch im Damenfeld der Miami Open hatten viele Spielerinnen mit dem dicht gedrängten Turnierkalender zu kämpfen. Mirra Andreeva startete zwar stark, unterlag jedoch Amanda Anisimova. Nach intensiven Wochen im Nahen Osten und den USA zeigte sie deutliche Ermüdungserscheinungen. Im Gegensatz zu diesen Spielerinnen wird Sinner ausgeruht zurückkehren – mit seiner Nummer-1-Position in der Weltrangliste weiterhin unangefochten.

Trotz seiner Sperre bleibt Sinner in einer starken Position. Er wird frisch in zwei aufeinanderfolgende Grand Slams – Roland Garros und Wimbledon – starten, gefolgt von den US Open. Obwohl er seinen Titel bei den Miami Open nicht verteidigen konnte, kann er durch gezieltes Training seine Form halten und gleichzeitig lukrative Werbedeals sichern. Seine jüngsten Auftritte bei der Fashion Week zeigen, dass er seine Auszeit bestmöglich nutzt – auch wenn seine Zeit auf dem Platz aufgrund der Sperre begrenzt ist.

Jannik Sinner wird mit wenig bis gar keinen Auswirkungen auf seine Position als Weltranglistenerster zurückkehren.
Jannik Sinner wird mit wenig bis gar keinen Auswirkungen auf seine Position als Weltranglistenerster zurückkehren.

Den ATP-Top 10 fehlt es an konstant dominierenden Spielern – im Gegensatz zur WTA, wo Aryna Sabalenka starke Konkurrenz von mehreren Spielerinnen zwischen Platz 2 und 15 hat. Carlos Alcaraz hat zwar bereits mehrere Grand Slam-Titel gewonnen, bleibt aber auf bestimmten Belägen anfällig. Taylor Fritz, ebenso wie Zverev und Djokovic, ist noch in Miami im Rennen, doch seine Weltranglistenposition hängt stark von seinem Abschneiden bei den US Open ab. Unterdessen dürfte Casper Ruud während der Sandplatzsaison glänzen, steht jedoch unter Druck, wertvolle Ranglistenpunkte in Monte-Carlo und Barcelona zu verteidigen.

Jack Draper ist ein weiterer aufstrebender Star, sieht sich jedoch nun neuen Erwartungen gegenüber. Bisher ruhten die britischen Hoffnungen auf Emma Raducanu und Katie Boulter, doch Drapers jüngste Erfolge haben ihn zur neuen Nummer eins im britischen Tennis gemacht. Seine größte Herausforderung besteht darin, gesund zu bleiben und mit dem wachsenden Druck umzugehen – insbesondere in Wimbledon, wo er in der Vergangenheit gegen Cameron Norrie Schwierigkeiten hatte.

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Jack Draper wird im Sommer mit neuem Druck zu kämpfen haben.

Andernorts muss Stefanos Tsitsipas seinen Titel in Monte-Carlo verteidigen, doch sein jüngster Turniersieg in Dubai verschafft ihm etwas Spielraum. Gleichzeitig steht Daniil Medvedev kurz davor, aus den Top 10 zu fallen.

Ein Blick auf das Achtel- und Viertelfinale der Miami Open offenbart ein besorgniserregendes Bild für das Herrentennis. Der Sport kämpft damit, außerhalb seiner größten Stars Konstanz zu finden. Zwar tauchen neue Namen wie Jack Draper, Arthur Fils und Ben Shelton auf, doch die ATP benötigt eine stärkere Nachwuchsförderung. Die Ära der "Big Four" hat eine Lücke hinterlassen, und das Herrentennis befindet sich in einer Übergangsphase.

In der WTA belegten Spielerinnen wie Maria Sakkari und Anett Kontaveit einst Spitzenplätze, sind jedoch inzwischen zurückgefallen oder haben ihre Karriere beendet. Nun zählt Mirra Andreeva zu den aufstrebenden Talenten, die die Weltelite herausfordern. Im Herrentennis fehlt es hingegen an dieser Art von Konkurrenz und Spannung. Die große Frage bleibt: Wer wird die Lücke füllen? Könnte es João Fonseca sein? Vielleicht. Doch bevor sich die Lage verbessert, könnte es noch schlimmer werden. Sinners Abwesenheit hat ein Vakuum hinterlassen – doch bislang hat niemand die Chance genutzt, es zu füllen.

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