Alexander Zverev steht wie kaum ein anderer für die Ambivalenz des modernen Spitzentennis. Olympiasieger, mehrfacher Masters-Champion, dreifacher Grand-Slam-Finalist, zeitweise die Nummer zwei der Welt – und doch haftet ihm das Etikett des unvollendeten Champions an. Seine Geschichte ist die eines Ausnahmeathleten, der sich durch eiserne Disziplin nach oben kämpfte, mental abstürzte und erst über den Mut, Hilfe anzunehmen, wieder zu sich selbst fand.
Frühe Prägung: Sowjetische Härte im Hamburger Keller
Die ersten Kapitel dieser Karriere beginnen nicht auf den großen Tennisbühnen, sondern in einem Keller in Hamburg, morgens um halb sechs. Während Gleichaltrige noch schlafen, schiebt der junge
Alexander Zverev endlose Drills, angeleitet von seinem Vater Alexander Senior, einem früheren Profi, der für die Sowjetunion spielte und eine entsprechend harte Trainingsphilosophie mitbringt.
Timings, feste Wiederholungszahlen, keine Abkürzungen – ein System ohne Auswege. Seine Mutter Irina, ebenfalls ehemalige Profi-Spielerin, federt diese Härte ab, aber die Richtung ist klar: Hier soll ein Spieler von Weltformat entstehen.
Zverev scheiterte bei den Australian Open 2026 nur denkbar knapp am späteren Sieger Carlos Alcaraz
Von Beginn an verfolgt die Familie einen Plan: Zverev soll ein aggressiver, risikofreudiger Spieler werden, der Punkte früh und kompromisslos beendet. Nur passt das anfangs überhaupt nicht zu seinem Naturell. Mit zwölf gilt er als herausragender Grundlinienspieler, als „unfassbarer Kämpfer“ von hinten – aber zu langsam und zu zögerlich, um entschlossen ans Netz zu gehen. Also erzwingt der Vater den Stilbruch: „Wir müssen schnelles, aggressives Tennis üben. Wenn du heute verlierst, ist das egal. Du musst an die Zukunft denken.“ Niederlagen gegen nominell schwächere Gegner werden zum Preis einer Entwicklung, die auf lange Sicht eindeutig Früchte tragen sollte.
Vom Junioren-Dominator zum Tour-Star
Die Resultate lassen nicht lange auf sich warten. Mit 13 Jahren mischt Zverev die Juniorenturniere in Europa auf, mit 15 dominiert er die Szene fast nach Belieben. 2013 gewinnt er das renommierte Orange-Bowl-Turnier und beendet das Jahr als Nummer eins der Junioren-Weltrangliste – der jüngste ITF Junior World Champion seit Donald Young 2005. Doch im Tennis gibt es keine Garantie, dass Juniorenerfolge in den Profi-Bereich hinübergerettet werden. Viele dominieren bei den Jugendlichen und verschwinden später in der Tiefe der Rangliste.
Zverev setzt sich durch. Mit 17 gibt er sein ATP-Debüt, mit 19 holt er in St. Petersburg seinen ersten Titel auf der Tour. 2017 folgt das große Durchbruchsjahr: Zverev gewinnt die Masters-1000-Turniere in Rom und Montreal, wird der jüngste Spieler seit
Novak Djokovic, der zwei Masters in einer Saison gewinnt, und schließt das Jahr auf Rang drei der Weltrangliste ab. In der Szene stellt sich nur noch eine Frage: Nicht ob, sondern wann er seinen ersten Grand-Slam-Titel holt.
Grand-Slam-Traum und die ersten Narben
Die Antwort scheint bei den US Open 2020 greifbar. Im Finale gegen Dominic Thiem führt Zverev mit zwei Sätzen und hat das Match unter Kontrolle. Doch dann kippt die Partie. Thiem erhöht den Druck, Zverev verliert den Faden, der Aufschlag bricht unter dem Gewicht der Situation ein, am Ende heißt es 6:7 im fünften Satz – der erste große Tiefpunkt in der Grand-Slam-Biografie des Deutschen.
Auf die Niederlage reagiert er sportlich. 2021 sollte eines seiner erfolgreichsten Jahre seiner Karriere werden. Er gewinnt er die ATP Finals, schlägt dabei unter anderem
Novak Djokovic und Daniil Medvedev und unterstreicht, dass er die Besten der Welt auf den größten Bühnen bezwingen kann. Den Höhepunkt des Jahres erlebt Zverev bei den Olympischen Spielen in Tokio früher im Jahr: Im Halbfinale stoppt er Djokovic auf dessen Golden-Slam-Kurs, im Endspiel holt er Gold. Er sammelt große Titel, klettert in der Rangliste, schlägt Legenden – nur der Grand-Slam-Triumph fehlt noch in seiner Sammlung.
Paris-Schock, Alcaraz, Sinner – und ein Imageproblem
Im Juni 2022 scheinen die Vorzeichen so gut zu sein wie noch nie. Doch dann stoppt plötzlich der Körper. Im Halbfinale seines Lieblings-Grand-Slams, den French Open in Paris, gegen Rafael Nadal knickt er bei einem Sprint weg, die Bänder im Sprunggelenk reißen, der Schrei hallt über den gesamten Court Philippe-Chatrier. Turnier vorbei, Saison vorbei, stattdessen Monate der Reha und der Ungewissheit. Während Zverev kämpft, um sein altes Bewegungsniveau zu erreichen, erobern
Jannik Sinner und
Carlos Alcaraz die großen Bühnen, Alcaraz steigt als Teenager zur Nummer eins auf und gewinnt im September 2022 bei den US Open seinen ersten von inzwischen sieben Grand-Slam-Siegen.
Im Halbfinale von Roland Garros 2022 erlitt der damalige Weltranglistenzweite den härtesten Rückschlag seiner Profikarriere
Zverev kehrt Ende 2022 zurück, doch ist noch weit von seinem Niveau Anfang des Jahres entfernt. Erst im Laufe des Jahres 2023 nähert er sich wieder seinem alten gewohnten Level. 2024 spielt er eine statistisch herausragende Saison: zwei Masters-1000-Titel (Rom, Paris-Bercy), 69 Siege in 90 Matches, zwei weiteren Finals und das Jahresendranking als Nummer zwei der Welt. In Roland Garros erreicht er ein weiteres Mal das Finale und führt gegen Alcaraz zwischenzeitlich mit 2:1 Sätzen, ehe der Spanier das Match in fünf Sätzen an sich zieht. Eine strittige Linienentscheidung im vierten Satz lässt Zverev später von „Betrug“ sprechen und eine große Bühne in bitterem Ton zurück.
Das Muster verfestigt sich im Januar 2025 in Melbourne. Zverev zieht bei den
Australian Open ohne Satzverlust ins dritte Grand-Slam-Finale seiner Karriere ein, profitiert im Halbfinale von der verletzungsbedingten Aufgabe Novak Djokovics und trifft im Endspiel auf
Jannik Sinner. Doch auch der dritte Anlauf bei einem Major-Finale sollte schmerzhaft enden.
Der Italiener demontiert ihn in drei Sätzen, Zverev erspielt sich im gesamten Match nicht einen einzigen Breakball – ein klarer, fast schon demütigender Sieg des Titelverteidigers. Drei Grand-Slam-Finals, drei Niederlagen, zwei davon nach Führungen: Die Erzählung vom „mental fragilen“ Zverev nimmt Fahrt auf.
Wimbledon 2025: Absturz, Leere und das öffentliche Bekenntnis
Das Finale von Melbourne markiert eine unsichtbare Bruchlinie. In den Monaten danach bricht Zverevs Form ein, frühe Niederlagen häufen sich, Auftritte bei kleineren Turnieren wirken fahrig. Bei den French Open 2025 reicht es noch für das Viertelfinale, doch spielerisch entfernt er sich von der Form eines Weltranglistendritten.
Wimbledon 2025 wird zum Tiefpunkt. Als Nummer drei der Welt trifft Zverev in der ersten Runde auf Arthur Rinderknech – ein Gegner aus dem erweiterten Mittelfeld, den er in Normalform klar im Griff haben sollte. Stattdessen entwickelt sich ein 4:40-Stunden-Marathon über fünf Sätze, an dessen Ende Zverev erstmals seit 2019 wieder in einem Grand-Slam-Auftaktmatch scheitert.
Die eigentliche Zäsur folgt jedoch erst danach. In einer ungewöhnlich langen und emotionalen Pressekonferenz beschreibt Zverev eine innere Leere, die weit über sportliche Frustration hinausgeht. „Ich fühle mich aktuell sehr allein. Ich habe mentale Probleme“, sagt er und spricht offen darüber, dass ihm selbst Erfolge kaum noch Freude bereiten. Auf die Frage nach einer möglichen Therapie antwortet er, dass er vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben professionelle Hilfe brauche. Das sind nicht die Worte eines Sportlers, der nur seine Form sucht – das sind Sätze eines Menschen, der mit sich selbst ringt.
Burnout-Gefahr: Vielspieler mit schweren Matches
Parallel rückt eine Zahl in den Fokus, die viel über Zverevs Belastung aussagt: In den Jahren 2023 bis 2025 verbringt er mehr Zeit auf dem Platz als jeder andere Spieler auf der Tour, oft mit langen Fünf-Satz-Matches und teilweise wöchentlichen Turnierstarts. Djokovic reduziert seine Turniereinsätze stark, Alcaraz und Sinner setzen auf gezielte Belastungssteuerung, Zverev dagegen spielt fast alles.
Mentaltrainer und Experten widersprechen deshalb der einfachen These vom „mentalen Schwächling“. Wer über Jahre konstant in der Weltspitze steht, Masters und ATP Finals gewinnt, Olympiasieger wird und wiederholt tief in Grand Slams vordringt, kann nicht per se mental instabil sein, argumentieren sie. Die Ursachen liegen eher in chronischer Erschöpfung, der Last der verpassten Chancen und dem spezifischen Druck von Grand-Slam-Finals, die eine andere mentale Qualität erfordern als selbst große Masters-Turniere.
Vater, Vorbild, öffentlicher Mensch
Während Zverev sportlich seinen Weg geht, verändert sich sein Leben abseits des Courts. 2021 wird seine Tochter geboren, der Tennissport rückt in eine neue Perspektive. Vater zu sein, sagt er in mehreren Interviews, mache ihn kontrollierter, weniger ausfallend, er wolle ein Vorbild sein. Das wirkt wie ein Gegenentwurf zum impulsiven jungen Profi, der in Acapulco 2022 mit dem Schläger wutentbrannt auf den Schiedsrichterstuhl einschlug und dafür disqualifiziert wurde.
Hinzu kommen juristische und moralische Grauzonen. 2019 werden erstmals häusliche Gewaltvorwürfe einer Ex-Freundin öffentlich, ein später eingeleitetes ATP-Verfahren endet ohne Sanktion, weil die Beweislage aus Sicht der Organisation nicht ausreicht. Ein weiteres Verfahren in Deutschland wegen ähnlicher Vorwürfe wird nach einem Vergleich eingestellt. Zverev bestreitet alle Vorwürfe, trotzdem bleiben die Schlagzeilen. Ein Teil des Publikums verweigert ihm die Unterstützung, andere verweisen auf die fehlende juristische Verurteilung und pochen auf die Unschuldsvermutung.
Der Schritt, den viele scheuen: Pause, Therapie, Mallorca
Nach Wimbledon zieht Zverev Konsequenzen, die im Spitzensport noch immer nicht selbstverständlich sind. Er stoppt. Statt sofort wieder ins nächste Turnier einzusteigen, nimmt er sich eine Auszeit, reist mit Freunden in den Urlaub, lässt den Schläger liegen und sucht – wie er selbst bestätigt – professionelle Hilfe. „Ich habe mir Zeit genommen, war viel mit Freunden zusammen und habe mir professionelle Hilfe geholt“, erklärt er später.
Parallel tauchen Bilder auf, die in der Tenniswelt für Aufhorchen sorgen: Zverev trainiert in der Rafa Nadal Academy auf Mallorca, an seiner Seite Toni Nadal. Der Onkel von Rafael Nadal gilt als einer der prägenden Trainer der vergangenen Jahrzehnte, sein Markenzeichen: maximale mentale Härte, Klarheit in den wichtigen Momenten, die Bereitschaft, Risiken einzugehen, wenn es darauf ankommt. Toni Nadal rät Zverev, in den großen Punkten mutiger zu werden – ein Rat, der wie ein Kommentar zu seinen Grand-Slam-Finals wirkt.
Auch Mallorca wurde Zverev zwei Wochen lang von Rafaels Onkel Toni Nadal betreut
Die ersten Turniere nach der Pause deuten tatsächlich auf einen Wandel hin. In Toronto und Cincinnati erreicht Zverev jeweils das Halbfinale, wirkt spielerisch aggressiver, körperlich frischer und vor allem: wieder spürbar befreiter. Auf Fragen nach seinem Befinden antwortet er, er habe die vergangenen Wochen sehr genossen und freue sich wieder ehrlich darauf, auf dem Platz zu stehen.
Erfolg trotz Krisen: Zahlen, die gegen das Klischee sprechen
Was in der Debatte um Zverev oft untergeht: Trotz Verletzung, mentaler Tiefpunkte und Dauerdruck gehört er sportlich weiter zur absoluten Elite. 2024 beendet er die Saison als Nummer zwei der Welt, 2025 steht er am Jahresende auf Rang drei. Er gewinnt über seine Karriere hinweg 24 ATP-Titel, darunter sieben Masters-1000-Trophäen und zwei ATP-Finals-Siege, und schlägt praktisch alles, was im Männer-Tennis Rang und Namen hat – von Djokovic über Nadal und Federer bis zu Alcaraz und Sinner.
Mentalexperten betonen deshalb, dass die Erzählung vom „mentalen Versager“ der Realität nicht gerecht wird. Wer über Jahre hinweg konstant in den Top Drei steht, unzählige enge Matches gewinnt und bei jedem Masters und Grand Slam mit Titelambitionen antritt, beweist mentale Stärke – nur scheinen ausgerechnet die Grand-Slam-Finals für Zverev eine eigene, noch ungelöste Herausforderung zu bleiben.
2026 und die offene Frage
Heute, mit 28 Jahren, steht Zverev in einem Abschnitt seiner Karriere, der sich als Wendepunkt erweisen kann. Djokovic, Nadal und Federer haben gezeigt, dass Grand-Slam-Titel auch jenseits der 30 möglich sind, gleichzeitig drückt die neue Generation um Alcaraz und Sinner mit immer größerer Wucht nach. Zverev hat die Waffen, die es braucht: einen der druckvollsten Aufschläge der Tour, eine durchschlagskräftige Rückhand, eine für seine Größe unfassbare Beinarbeit und die Erfahrung aus unzähligen großen Matches.
Entscheidend wird, ob er die Lektionen der vergangenen Jahre in den entscheidenden Momenten abrufen kann. Ob er bereit ist, im fünften Satz eines Grand-Slam-Finals den riskanten Schlag zu wählen statt den sicheren, ob er sich selbst zutraut, das Match zu gewinnen – und nicht nur hofft, es nicht zu verlieren. Die Bereitschaft, offen über Leere, Einsamkeit und Therapie zu sprechen, zeigt bereits eine neue Seite von
Alexander Zverev: die eines Athleten, der verstanden hat, dass Verletzlichkeit keine Schwäche ist, sondern eine Form von Stärke.
Ob 2026 das Jahr wird, in dem er seinen ersten Grand-Slam-Titel holt, bleibt offen. Aber eines ist klar: Der Spieler, der heute auf die großen Courts dieser Welt tritt, ist nicht mehr derselbe, der in New York 2020 einen Zwei-Satz-Vorsprung verspielte oder in Wimbledon 2025 in sich zusammenfiel. Er hat gelernt, seine Ängste nicht länger zu verdrängen, sondern ihnen ins Auge zu sehen – und genau darin könnte der Schlüssel zu jenem Titel liegen, der seine Karriere endgültig vollenden würde.