Am Mittwoch machte ein kurzer Ausschnitt aus Nairobi weltweit die Runde. Zu sehen war ein Erstrundenmatch beim ITF W35-Turnier, das innerhalb weniger Stunden als Auftritt der „schlechtesten Wildcard aller Zeiten“ tituliert wurde. Der inzwischen fast drei Millionen Mal angesehene
virale Tennis-Clip aus Nairobi zeigt die ägyptische Spielerin Hajar Abdelkader, die ihr Match in nur 37 Minuten verlor, insgesamt drei Punkte gewann und dabei 20 Doppelfehler produzierte.
Für Lorena Schädel (Heidelberger TC, Nr. 1024) war es zunächst ein völlig gewöhnlicher Turniertag. Dass ausgerechnet ein Match auf einem Nebenplatz eines W35-Turniers globale Aufmerksamkeit erzeugen würde, hätte die deutsche Spielerin nicht einmal im Ansatz für möglich gehalten.
Die Medien stürzten sich vollständig auf die Ägypterin, doch offenbar nahm kaum jemand die Haltung unserer Landsfrau wahr. Diese war schlichtweg vorbildlich.
Drei Punkte, kein eigener Winner
Zwei der drei Punkte von Abdelkader resultierten aus Doppelfehlern im vierten Spiel des ersten Satzes. Der dritte und letzte Punkt folgte im zweiten Spiel des zweiten Satzes, als Schädel eine Rückhand-Rückgabe knapp überzog. In der statistischen Realität gewann die Ägypterin damit keinen Punkt mit einem eigenen Schlag. Diese Zahlen führten rasch zu Spekulationen darüber, wie Abdelkader überhaupt ins Hauptfeld gelangt war.
Wer das Geschehen nicht nur anhand des kurzen Social-Media-Ausschnitts beurteilen möchte, findet im
vollständigen Matchvideo von Schädel gegen Abdelkader eine deutlich umfassendere Perspektive. Der komplette Mitschnitt wurde zwar weit weniger aufgerufen, bietet jedoch einen deutlich differenzierteren und sportlich aufschlussreicheren Blick auf das Geschehen.
Forderungen nach Untersuchung
Nach der rasanten Verbreitung des Clips meldeten sich Turnierdirektoren aus dem Futures-Bereich in den sozialen Medien zu Wort. Sie forderten eine Untersuchung und riefen die ITIA zum Handeln auf, falls es Hinweise auf Unregelmäßigkeiten oder Manipulationen geben sollte. Abdelkader soll seit ihrem 14. Lebensjahr Tennis spielen, ein offizielles Profi-Match hatte sie vor Nairobi jedoch nie bestritten.
Schädel bleibt ruhig und respektvoll
Während sich online Häme, Zweifel und Empörung entluden, blieb Lorena Schädel auf dem Platz vollkommen unbeirrt. Aus ihrer Perspektive ging es vor allem darum, das Match professionell und korrekt zu Ende zu spielen. Es gab keine Gesten, kein demonstratives Zögern und keine sichtbare Herabsetzung der Gegnerin, obwohl der sportliche Klassenunterschied offensichtlich war.
Mehr noch: Schädel unterstützte ihre Gegnerin in mehreren Situationen ganz selbstverständlich. Als Abdelkader wiederholt unsicher war, wo sie sich beim Aufschlag oder beim Seitenwechsel positionieren sollte, half die Deutsche ruhig und ohne jede Überheblichkeit. Auch beim Ballholen zeigte sich diese Haltung. Während Abdelkader sichtlich Mühe hatte, Bälle zu fangen oder zu kontrollieren, lief Schädel mehrfach selbst los, sammelte die Bälle ein und reichte sie ihrer Gegnerin weiter.
Selbst als Abdelkader wiederholt nach Bällen suchte oder längere Gespräche mit der Schiedsrichterin führte, wodurch das Match spürbar verlangsamt wurde, blieb Schädel völlig gelassen. Sie wartete, kommentierte nichts und ließ sich weder in ihrem Rhythmus noch in ihrer Haltung beeinflussen. Schädel zählte jeden Punkt korrekt, spielte jeden Ball aus und begegnete Abdelkader mit dem gleichen Respekt wie jeder anderen Gegnerin auf der Tour.
In einem Match, das sportlich kaum Widerstand bot und medial zur Zielscheibe wurde, setzte Schädel damit ein stilles, aber eindrucksvolles Zeichen. Ihr Verhalten war ein Beispiel dafür, wie professionelles Fairplay auch unter außergewöhnlichen Umständen aussehen kann – und ein Maßstab, an dem sich viele Spielerinnen messen lassen müssten.
Mehr als nur ein virales Video
Der Clip aus Nairobi wurde vor allem als Symbol für ein vermeintliches Versagen des Systems geteilt. Das vollständige Match zeigt jedoch auch eine andere Seite: die Haltung einer Spielerin, die unbeabsichtigt Teil eines weltweiten Diskurses wurde, ohne davon auf dem Platz etwas ahnen zu können.
Während Abdelkaders Auftritt die Debatte bestimmte, blieb Schädel ein stilles Beispiel dafür, dass Fairplay und Professionalität selbst dann Bestand haben, wenn ein Match ungeplant zum globalen Gesprächsthema wird.