Alexander Zverev erreicht mit aggressivem Serve-and-Volley sein 10. Grand-Slam-Halbfinale – ausführlicher Spielbericht

ATP
Dienstag, 27 Januar 2026 um 7:11
zverevcanadianopen
Alexander Zverev ging in diese Nacht mit dem klaren Ziel, sein zehntes Grand-Slam-Halbfinale zu erreichen, als das erste Viertelfinale der Herren bei den Australian Open 2026 unter dem geschlossenen Dach der Rod Laver Arena ausgetragen wurde. Learner Tien betrat den Court als jüngster Viertelfinalist bei den Australian Open der vergangenen elf Jahre.

Zverev souverain im Erste

Die kontrollierten Bedingungen verliehen der Partie den unverkennbaren Charakter von Hallentennis auf höchstem Niveau und rückten Aufschlagqualität, präzises Timing und mentale Stabilität noch stärker in den Fokus. Mit einem Platz im Halbfinale auf dem Spiel wurden Zverev und der Amerikaner Learner Tien nicht nur im direkten Duell gefordert, sondern auch von einer Umgebung, die Zögern gnadenlos bestrafte und Entschlossenheit belohnte.
Alexander Zverev kontrollierte den ersten Satz mit abgeklärter Autorität, stützte sich auf stabile Aufschlagspiele und erhöhte den Rückschlagdruck genau zum richtigen Zeitpunkt, um sich eine 6:3-Führung zu sichern. Nach vier problemlosen Aufschlagspielen zum Auftakt begann der Deutsche, gezielt Tien’s zweiten Aufschlag zu attackieren und zwang seinen Gegner zunehmend zu kürzeren Antworten.
Die entscheidende Phase kam beim Stand von 2:2, als Zverev mit Tiefe aus der Rückhand dauerhaft Druck aufbaute und sich das Break sauber erspielte. Er bestätigte den Vorteil sofort, ließ mit einem souveränen Aufschlagspiel keine Zweifel aufkommen und hielt Tien konsequent hinter der Grundlinie fest.
Tien präsentierte sich bei eigenem Aufschlag konkurrenzfähig und verhinderte zunächst, dass der Satz früh entglitt. Doch Zverev ließ den Breakvorsprung nicht mehr aus der Hand. Beim Stand von 5:3 servierte er den Satz mit Nachdruck aus, brachte seine ersten Aufschläge sicher ins Feld und übernahm früh die Kontrolle über die Ballwechsel, um den Durchgang ohne weitere Dramatik zu beenden.
Sascha Zverev
Sascha Zverev

Learner Tien spielt ein Tiebreak für die Ewigkeit

Der zweite Satz verlief zunächst völlig ohne Breaks. Beide Spieler hielten ihren Aufschlag souverän, Alexander Zverev servierte sich dabei bereits in den zweistelligen Bereich bei den Assen. Lange schien alles auf einen reibungslosen Gang in den Tiebreak hinauszulaufen.
In der entscheidenden Phase zeigten jedoch beide erstmals kleine Risse im Spiel. Learner Tien ließ beim Stand von 3:4 eine Breakchance ungenutzt, ebenso wie Zverev im darauffolgenden Spiel bei 4:4. Die Entscheidung musste folgerichtig im Tiebreak fallen.
Dort entwickelte sich ein sensationeller Ballwechsel beim Stand von 4:2 für Zverev — ein Punkt, der sich als richtungsweisend für den gesamten Satz erweisen sollte. Der Deutsche trieb Tien von einer Ecke in die andere, entschied sich schließlich für den Stopp. Tien reagierte mit einem brillanten Vorwärts-Chip in die Ecke, ehe Zverevs anschließender Return problemlos ausgevolleyt wurde. Statt 5:2 hieß es plötzlich nur noch 4:3.
Ein unerzwungener Fehler von Tien brachte Zverev zwar noch einmal die Führung zum 5:3, doch was danach folgte, ließ selbst den Deutschen fassungslos zurück. Tien kippte Momentum und Satz, spielte mit beeindruckender Entschlossenheit und gewann den Tiebreak mit 7:5. Die Sätze waren wieder ausgeglichen — und vermutlich fragt sich Zverev bis heute, wie ihm dieser Durchgang noch entgleiten konnte.
Eines muss jedoch klar festgehalten werden: Zverev agierte keineswegs zu passiv. Learner Tien spielte einen herausragenden Tiebreak, mutig, kreativ und nervenstark — einen, der das Wiederansehen mehr als verdient.
Learner Tien gewinnt Tiebreak
Learner Tien gewinnt Tiebreak

Klassisches Serve-and-Volley im dritten Satz

Wie würde Alexander Zverev diesen mentalen Rückschlag im dritten Satz verarbeiten? Es gab einen Moment der Irritation in Richtung Vater und Bruder auf der Tribüne, doch unterm Strich war Learner Tien im Tiebreak schlicht der bessere Spieler gewesen.
Zverev musste sich neu sammeln, zu sich selbst zurückfinden – und tat genau das auf beeindruckende Weise. Den ersten Breakball zum 3:1 wehrte Tien noch mit einem Ass ab, doch der zweite saß: ein überragender Return ebnete Zverev den Weg.
Von da an ging es für den Amerikaner rasant bergab. Ein zweites Break folgte ohne Punktgewinn, der Hamburger zog uneinholbar davon. Binnen kürzester Zeit stand eine 5:1-Führung für Zverev auf der Anzeigetafel.
Bei Tien häuften sich nun die Fehler, sein Niveau sackte deutlich ab. Zverev ließ nichts mehr anbrennen, servierte den dritten Satz souverän zum 6:1 aus. Das australische Publikum konnte nur zusehen, wie das Adidas-Lager des Deutschen den Satzgewinn jubelnd von der Seitenlinie feierte.

Der vierte Satz, und Zverev wirkt müder als der junge Amerikaner

Der von Michael Chang betreute Learner Tien war im vierten Satz gefordert. Sein erstes Aufschlagspiel gewann er souverän, doch Zverev zog umgehend nach und blieb dem im dritten Satz so erfolgreichen Serve-and-Volley-Spiel treu.
Beim Stand von 1:1 ging es erstmals über Einstand bei Aufschlag Tien, doch der junge Amerikaner behauptete sich. In dieser Phase suchte Zverev wiederholt das Gespräch mit dem Schiedsrichter, offenbar wegen Lichteinflüssen, die ihn während der Ballwechsel störten.
Davon ließ sich der Deutsche jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Zverev blieb stabil, überließ die spektakulären Punkte seinem Gegner und glich bei eigenem Aufschlag zum 2:2 aus – erneut unterstützt von ein, zwei Assen.
Im fünften Spiel folgte auf eine Doppelfehler-Serie von Tien ein Ass zum 30:30. Dann ein unglaublicher Laufball von Zverev, abgeschlossen mit einem brillanten Longline-Schlag – Breakball für den Deutschen. Doch Tien, der insgesamt mit einer erhöhten Quote an Doppelfehlern zu kämpfen hatte, servierte sich auch diesmal aus der Gefahr und hielt sein Aufschlagspiel.
Im Spiel zum 3:3-Ausgleich servierte Zverev gleich drei Asse in einem Game. Nicht schlecht. 19 Asse nach 2:40 Stunden Spielzeit – das kann sich ebenfalls sehen lassen.
„Full commitment to the returns“, flüsterte Michael Chang seinem Schützling zu, als Zverev zum 4:4 aufschlug. Leichter gesagt als getan, denn der Deutsche agierte zu diesem Zeitpunkt mit 75 Prozent Service-Effizienz.
Ein zehntes Ass brachte dem 20-Jährigen dennoch die 5:4-Führung – erneut nach Einstand. Einige unnötige Fehler bei Zverev sorgten anschließend für spürbare Unruhe im deutschen Lager. Möglicherweise machte sich die Müdigkeit bemerkbar, während der Amerikaner einen Tick frischer wirkte und mit einem weiteren inspirierten Aufschlagspiel auf 6:5 davonzog.
Ein leicht geröteter Zverev geriet im nächsten Game mit 15:30 in Rückstand. Es folgte ein langer Ballwechsel, den der Deutsche gerade noch über die Linie rettete. Doch eines war offensichtlich: Zverev litt stärker unter der Hitze als sein junger Gegner. Satzball. Ein guter Aufschlag – Einstand.
Dann rettete Zverev seine Haut mit seiner enormen Reichweite am Netz. Und noch einmal diese Reach. Sascha kämpfte sich in den Tiebreak.

Der alles befreiende Tiebreak?

Ein unerzwungener Fehler von Tien bescherte Zverev sofort das Minibreak, gefolgt von seinem 22. und 23. Ass. Weergaloos – 3:0-Führung. Noch ein unforced Error von Learner Tien, eine Vorhand segelte weit ins Aus, ehe Zverev mit einem fantastischen Winner ins Eck auf 5:0 stellte.
Plötzlich kam alles aus dem Nichts. Der Deutsche hatte Mut gefasst, wollte den Sieg jetzt erzwingen – und durfte zweimal aufschlagen.
6:0 – und sechs Matchbälle! Drei davon ließ der Deutsche noch ungenutzt, doch beim vierten war es soweit. Ein Lob von Learner Tien segelte ins Aus, und ein überglücklicher Zverev stand einmal mehr im Halbfinale eines Grand Slams. Sein zehntes.
Das war ein neuer Zverev, den wir heute gesehen haben. Er musste kämpfen, alles aus sich herausholen gegen ein außergewöhnliches Talent. Und er tat es wie nie zuvor: mit Serve and Volley.
John McEnroe dürfte zustimmen.

Match Statistics Zverev vs. Tien

Zverev VS Tien
Service
24 Aces 11
1 Double Faults 9
72% (96/133) 1st Service Percentage 63% (82/130)
76% (73/96) 1st Service Points Won 74% (61/82)
65% (24/37) 2nd Service Points Won 44% (21/48)
100% (3/3) Break Points Saved 57% (4/7)
100% (21/21) Service Games 84% (16/19)
Return
26% (21/82) 1st Return Points Won 24% (23/96)
56% (27/48) 2nd Return Points Won 35% (13/37)
Klatscht 3Besucher 1
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