Australian Open 2026: Hitze-Schlacht in Melbourne, dramatische Fünf-Satz-Krimis und souveräne Siege der Favoriten – So verlief die erste Woche beim "Happy Slam"

Tennis News
durch Theo Stodiek
Samstag, 24 Januar 2026 um 14:00
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Carlos Alcaraz marschiert, Daniil Medvedev überlebt einen Fünf-Satz-Krimi, die US‑Fraktion liefert – und dazwischen sorgt ein College‑Champion namens Michael Zheng für eine der Geschichten der ersten Turnierwoche der Australian Open. Nach sechs Tagen in Melbourne werden die Konturen des Herrenturniers klar: Die Titelfavoriten werden immer stärker getestet, während Außenseiter und Spätzünder das Tableau ordentlich durchschütteln.
Zugleich zeigt sich: Das Feld ist tief, die Matches sind in der Hitze von Melbourne oft sehr physisch, und wer in Woche zwei noch dabei sein will, braucht mehr als nur Schlagkraft – Fitness, Anpassungsfähigkeit und mentale Härte entscheiden immer häufiger über den Ausgang des Matches. Besonders deutlich wird das in der oberen Hälfte: Alcaraz wirkt souverän, Medvedev muss jetzt schon alles investieren, Bublik, de Minaur und Zverev lauern, und die nächste Generation um Learner Tien schiebt von hinten an.

Alcaraz souverän, Paul unscheinbar stark

Carlos Alcaraz hat nach der schwierigen Zweitrundenpartie gegen Yannick Hanfmann seinen nächsten echten Test gegen Corentin Moutet mit Bravour bestanden und den Franzosen in der dritten Runde mit 6:2, 6:4, 6:1 aus den Australian Open genommen. Moutet, der zuvor vom Rückzug des angeschlagenen Michael Zheng profitierte, konnte seine Kreativität und unberechenbaren Tempowechsel nur punktuell ausspielen, Alcaraz kontrollierte die Ballwechsel konsequent über Länge, Tempo und variable Richtung. Für den Spanier, der in seinen ersten Partien nahezu ohne Wackler agierte, war es vor allem ein Statement in Sachen Fokus: Kein Showmatch, sondern ein konzentrierter Dreisatz-Auftritt gegen einen unangenehmen Linkshänder.​d
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Der Weltranglistenerste will mit seinem ersten Titelgewinn in Melbourne den Career-Slam vollenden.
In der Runde der letzten 16 wartet nun mit Tommy Paul der erste echte Gradmesser dieses Turniers. Paul profitierte in Runde drei vom verletzungsbedingten Rückzug von Alejandro Davidovich Fokina, der beim Stand von 6:1, 6:1 aus Sicht des US-Amerikaners aufgab. Auch wenn der Verlauf einseitig war: Paul nimmt Selbstvertrauen, Frische – und ein gutes Match‑up mit nach vorn, schließlich hat er Alcaraz in der Vergangenheit bereits mehrfach gefordert und geschlagen und weiß, wie man dessen Rhythmus mit flachen Grundschlägen und Tempowechseln stören kann. Genau dieser erste physisch und taktisch fordernde Test wird zeigen, wie nah Alcaraz bereits an seiner Turnier-Spitzenform ist.

Michael Zheng: Fünfsatz-Paukenschlag und bitteres Aus

Einer der Namen der ersten Turniertage lautet Michael Zheng. Der zweifache NCAA-Singles-Champion aus den USA gewann in seinem allerersten Grand-Slam-Hauptfeldmatch direkt ein Fünfsatzepos gegen Sebastian Korda – 6:4, 6:4, 3:6, 6:7, 6:3 –, und das bei seinem Tour-Level-Debüt. Zhengs Auftritt war eine Lehrbuchvorführung in Sachen Konstanz: Er produzierte deutlich weniger unerzwungene Fehler als Korda, hielt die Ballwechsel lang und zwang den höher eingeschätzten Landsmann immer wieder ins Risiko.
Die Kehrseite: Genau dieser Aufwand forderte körperlich seinen Tribut. Nach einem langen Quali-Weg und seinem ersten Fünfsatzmatch wirkten die Beine in der Folge angeschlagen, im Zweitrundenduell mit Corentin Moutet musste Zheng beim Stand von 3:6, 1:2 vorzeitig aufgeben. Der Traum vom Duell mit Alcaraz platzte damit, aber das Turnier hat gezeigt, welches Profil Zheng in die Tour einbringen kann.

US‑Welle und Bublik-Show

Hinter Stars wie Alcaraz und Medvedev drückt eine breite amerikanische Welle nach vorn. Tommy Paul ist bereits erwähnt, daneben überzeugten vor allem Learner Tien, Ben Shelton und Ethan Quinn mit klaren Hardcourt-Profilen. Tien profitierte zwar von der verletzungsbedingten Abwesenheit von Felix Auger-Aliassime in seiner Sektion, nutzt die Lücke aber konsequent und steht nach einem Fünfsatzsieg über Marcus Giron in Runde eins sowie einem starken Dreisatzerfolg gegen Nuno Borges inzwischen in der zweiten Woche. Quinn wiederum knackte in der Frühphase des Turniers mit Tallon Griekspoor und Hubert Hurkacz zwei der etablierten Profis der Tour in zwei klaren Matches hintereinander in jeweils drei Sätzen und zeigte, wie unangenehm aggressives College-Tennis auf Grand-Slam-Niveau sein kann.
Parallel dazu liefert Alexander Bublik das, was man von ihm erwartet – und noch ein bisschen mehr. Der Kasache, bekannt für seine Launenhaftigkeit und Kreativität, präsentierte sich bislang erstaunlich fokussiert und setzte sich in der dritten Runde in drei engen Sätzen – 7:6, 7:6, 6:4 – gegen den formstarken Argentinier Tomás Martín Etcheverry durch. Im Achtelfinale wartet nun Alex de Minaur, der zuvor in drei Sätzen gegen Frances Tiafoe gewann und vor heimischem Publikum mit seiner typischen Mischung aus Beinarbeit, Konterstärke und unverrückbarer Defensivmoral überzeugte. Für Tiafoe bleibt nur die Erkenntnis, dass sich seine körperliche Transformation – abgespeckter, beweglicher, defensiv solider – zwar in besseren Turnierleistungen niederschlägt, für einen Sieg gegen einen topfitten Top‑10‑Mann im Wohnzimmer Rod Laver Arena aber noch nicht reicht.
Sollte Bublik sein aktuelles Niveau halten, könnte das Achtelfinale gegen de Minaur zu einem klassischen Stilduell werden: Hier der Instinktspieler, der variieren, zaubern, riskieren will, dort der australische Musterprofi, der jeden Ball zurückbringt und den Gegner in brutale Grundlinienduelle zwingt. Für die Zuschauer ein tolles Match-Up – und womöglich ein Vorgeschmack auf ein Viertelfinale mit Alcaraz oder Paul.

Zverev stabil, Medvedev im Krimi-Modus, Tien vor Revanche

In der unteren Hälfte der oberen Tableau-Seite arbeitet sich Alexander Zverev unspektakulär, aber effizient durch das Feld. Nach einem Viersatzauftakt gegen Gabriel Diallo und einem soliden Match gegen den Franzosen Alexandre Müller zog der Hamburger in der dritten Runde durch ein 7:5, 4:6, 6:3, 6:1 gegen Cameron Norrie ins Achtelfinale ein. Gerade gegen Linkshänder wie Norrie, die normalerweise über Winkel und Rhythmusbrüche kommen, profitiert Zverev von seiner druckvollen Rückhand und der Fähigkeit, aus der neutralen Mitte immer wieder konstante Länge zu produzieren – ein Muster, das den Briten zunehmend aus der Balance brachte.
Im Achtelfinale trifft Zverev nun auf Francisco Cerúndolo. Im direkten Vergleich der beiden steht es aktuell drei zu zwei für den Sandplatzspezialisten aus Südamerika. Dabei kamen jedoch alle seiner drei Erfolge aus Begegnungen auf der Asche, während Zverevs beiden Siege beide auf Hardcourt ausgetragen wurden. Dennoch darf die deutsche Nummer eins den Weltranglisten-19. nicht unterschätzen. Der Argentinier bringt gerade gegen einen tief stehenden Zverev mehr Variabilität und Spin ins Spiel – dennoch darf sich Zverev aber als Favorit sehen, zumal seine Spielanlage dem Belag deutlich besser zugeschnitten ist, als die von Cerundolo.
Einen völlig anderen Weg in die zweite Woche wählte Daniil Medvedev. Der ehemalige dreifache Melbourne-Finalist stand gegen Fabian Marozsan kurz vor dem Aus, lag zwei Sätze zurück und fand dann in klassischer „Lockdown“-Manier ins Match, gewann den dritten Satz mit 7:5 und drehte die Partie anschließend mit einem 6:0, 6:3. Vom 5:5 im dritten Satz an holte Medvedev zehn Spiele in Serie – ein eindrucksvolles Zeichen dafür, dass er physisch weiter bereit ist, vier- und fünfstündige Marathons zu gehen.
Nun kommt es zu einem besonders reizvollen Duell: Medvedev trifft auf Learner Tien, der den Russen bereits im vergangenen Jahr in Melbourne in einem epischen Match bezwungen hatte und sich auch diesmal mit einem starken 7:6, 6:4, 6:2 gegen Borges in Position gebracht hat. Tien bringt viele der Eigenschaften mit, die Medvedev sonst selbst dem Feld aufzwingt: exzellente Beinarbeit, extreme Platzabdeckung, Winkel und eine hohe Entscheidungssicherheit in langen Ballwechseln. Medvedev wird versuchen, über Returns und Platzposition die Initiative an sich zu reißen; Tien wiederum kann mit seinem Returnspiel Medvedevs angreifbaren zweiten Aufschlag attackieren – alles deutet auf ein langes, taktisches Duell hin, in dem jeder kleine Momentumwechsel zählen wird.

Verlängerte Primes und das neue Normal

Parallel zu all den Einzelgeschichten etabliert sich in Melbourne eine neue Normalität: Karrieren dauern länger, und „Prime“ ist kein kurzes Fenster mehr, sondern eine Dekade. Spieler wie Alexander Bublik oder auch Stan Wawrinka, die in ihren Dreißigern noch einmal an ihrem Level schrauben oder ihre Form reaktivieren, senden ein klares Signal in Richtung der jungen Generation.
Für ein Turnier wie die Australian Open heißt das: Die Grenzen zwischen „NextGen“, „Prime“ und „Spätwerk“ verschwimmen. Alcaraz und Sinner definieren die Spitze neu, Medvedev und Zverev verteidigen ihre Plätze, während College-Champions wie Michael Zheng und Arbeiter wie Learner Tien zeigen, wie dicht die zweite Reihe dran ist.
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