Sechs von acht deutschen Profis haben bei den
Australian Open die erste und zweite Runde nicht überstanden – ein ernüchternder Start ins Tennisjahr 2026 für die deutschen Hoffnungsträger in Melbourne.
Während zumindest Yannick Hanfmann beim sogenannten "Happy Slam" mit dem Einzug in die zweite Runde für einen kleinen Lichtblick sorgte, stehen vor allem zerplatzte Hoffnungen und drastische Ranglistenverluste im Fokus.
Maria stolpert – Altmaier erlebt Debakel
Tatjana Maria verpasste den erhofften Auftaktcoup und verlor eine hochintensive Partie gegen die 18 Jahre jüngere Kroatin Petra Marcinko mit 3:6, 5:7. Trotz der klaren Favoritenrolle – Maria kam als Nummer 42 der Welt, Marcinko lag im Ranking nur auf Platz 81 – fehlte ihr in den entscheidenden Momenten die letzte Konsequenz.
Altmaier, der für seine sonst so starken Grand-Slam-Auftritte bekannt ist, fand in seiner Erstundenpartie zu keiner Zeit so richtig zu seinem Spiel.
Bei 5:3 im zweiten Satz schien Maria das Match noch drehen zu können, doch anschließend verlor sie vier Spiele in Serie und verabschiedete sich nach nur 1:28 Stunden aus dem Turnier. Die Routiniere fand weder mit ihrem variablen Slice noch mit ihrem Netzspiel dauerhaft Antworten auf das druckvolle Grundlinientennis der aggressiv auftretenden Kroatin.
Parallel dazu erlebte Daniel Altmaier ein Auftaktmatch zum Vergessen: Gegen den ehemaligen US-Open-Champion Marin Cilic war der Kempener beim 0:6, 0:6, 6:7 (3:7) praktisch chancenlos. Nach nur 50 Minuten stand es aus Sicht des Weltranglisten-44. 0:6, 0:6, erst im dritten Satz konnte Altmaier das Niveau des Kroaten phasenweise halten – ohne sich dafür mit einem Satzgewinn zu belohnen.
Seidels Emotionen – Struffs Fünfsatzfrust
Ella Seidel musste in Melbourne die nächste bittere Grand-Slam-Lektion hinnehmen. Zwei Jahre nach ihrem klaren 0:6, 1:6-Debüt gegen die spätere Siegerin Aryna Sabalenka gelang der Hamburgerin zwar erstmals ein Satzgewinn im Hauptfeld, am Ende stand dennoch eine 3:6, 6:3, 0:6-Niederlage gegen Oksana Selekhmeteva. Seidel kämpfte sich im zweiten Satz zurück in die Partie und machte Hoffnung auf einen Comeback-Sieg, verlor im entscheidenden Durchgang aber komplett den Faden – kurz vor dem vollendeten „Bagel“ kamen ihr beim Seitenwechsel auf der Bank sogar die Tränen.
Auch Jan-Lennard Struff erlebte einen Fehlstart ins Jahr 2026. Nach dem Erstrundenaus beim ATP-Turnier in Hongkong verlor der 35-Jährige in Melbourne zum Grand-Slam-Auftakt einen Fünfsatzkrimi gegen den Tschechen Vit Kopriva, obwohl er zwischenzeitlich mit 2:1 Sätzen führte. Die letzten beiden Durchgänge gingen glatt mit 3:6 und 1:6 verloren.
Kampfgeist bei Lys – und Hanfmann fordert Alcaraz
Die größte deutsche Hoffnung bei den Frauen,
Eva Lys, lieferte Sorana Cirstea ein Duell, das sich über weite Strecken festbiss, statt spektakulär zu brennen. Die 24-Jährige startete konzentriert, holte sich mit geduldigem, präzisem Aufbau und mutigen Richtungswechseln den ersten Satz mit 6:3 und hatte die erfahrene Rumänin phasenweise klar im Griff.
Doch im Verlauf der Partie kippte das Bild. Lys verlor nicht komplett den Faden, aber die Klarheit in ihrem Spiel erodierte: Entscheidungen dauerten einen Schlag zu lang, leichte Fehler schlichen sich ein, der Arm wurde sichtbar angespannter. Beim Stand von 4:4 im zweiten Satz vergab sie zwei Breakbälle, Cirstea drehte das Momentum mit Nervenstärke und Erfahrung und holte die Sätze zwei und drei zum 6:3, 4:6, 3:6-Endstand aus Sich der Deutschen. Im dritten Durchgang stellte Lys mutig um, nahm die Bälle früher und ging All-in, doch auf der Zielgeraden kostete sie jeder Fehler zu viel das Match – Cirstea spielte die Partie abgeklärt zu Ende.
Für einen der wenigen positiven Momente sorgte Yannick Hanfmann. Der 34-Jährige aus Karlsruhe gewann seine Erstrundenpartie gegen den Amerikaner Zachary Svajda in vier Sätzen mit 7:5, 4:6, 6:4, 7:6 und belohnte sich für einen konsequenten, offensiven Auftritt. In der zweiten Runde wartete dann mit Weltranglistenersten
Carlos Alcaraz eine der schwersten Aufgaben, doch Hanfmann zwang den Spanier trotz Dreisatzniederlage in dessen längsten Sieg über diese Distanz seiner Karriere: Nach einem 6:7, 3:6, 2:6 aus deutscher Sicht standen 2:44 Stunden Spielzeit zu Buche.
Ranglistenbeben: Lys’ Absturz im Fokus
Das frühe Aus der deutschen Profis bleibt in Melbourne nicht ohne Folgen – besonders schmerzhaft fällt der Blick auf die Weltrangliste aus. Sechs der acht gestarteten Deutschen verlieren wichtige Punkte oder verpassen eine Chance, sich nach oben zu arbeiten.
Am härtesten trifft es
Eva Lys. Die deutsche Nummer eins im Damen-Tennis hatte in diesem Jahr 260 Punkte aus einem Achtelfinaleinzug zu verteidigen und reist nun ohne neue Zähler ab – ein dickes Minus im Ranking. Im Live-Ranking fällt Lys dadurch um 20 Positionen von Platz 39 auf 59 zurück, was sie bei kommenden Turnieren wieder häufiger in ungesetzt schwierigen Auslosungen landen lässt. Sportlich schmerzt die Niederlage zusätzlich, weil Lys in den Phasen, in denen sie klar spielte, zeigte, dass sie das Match gegen Cirstea in der Hand hatte – und damit auch eine erneute Melbourne-Geschichte.
Nach ihrem Achtelfinaleinzug 2025 rutscht die gebürtige Ukrainerin um 20 Plätze in der Weltrangliste ab.
Trotz des Einbruchs sendet ihr Auftritt aber auch ein Signal: Die Basis ihres Spiels – frühe Ballnahme, variable Winkel, mutige Richtungswechsel – reicht, um etablierte Topspielerinnen unter Druck zu setzen, wie man beim United Cup gegen
Iga Swiatek sehen konnte. Entscheidend für die nächsten Monate wird sein, ob Lys diese Qualität über komplette Matches trägt und mit der wachsenden Erwartungshaltung umgehen kann, die nun auch durch den Rankingrückschlag nicht kleiner wird.
Gewinne und Verluste: Deutsche im Live-Ranking
Tatjana Maria zahlt die Rechnung für das frühe Aus in Melbourne ebenfalls deutlich. Die 37-Jährige hatte aus dem Vorjahr einen Zweitrundeneinzug stehen, verliert dadurch 143 Punkte im Live-Ranking und fällt um elf Plätze auf Rang 53 zurück. Ihre Niederlage gegen Marcinko wirkt damit doppelt schwer, weil sie nicht nur ein verpasstes Comeback im Match, sondern auch einen klaren Rückschritt im Ranking bedeutet.
Ella Seidel erlebt eine ambivalente Konstellation. Sportlich war das Aus in Runde eins ein Rückschlag, zumal sie die Chance verpasste, das gute Zwischenhoch aus Satz zwei in einen Sieg mitzunehmen. In der Weltrangliste verliert sie zwar 13 Punkte, klettert aber durch Verschiebungen im Umfeld dennoch um zwei Plätze von Rang 82 auf 80 – ein kleiner statistischer Trost für ein emotional hartes Turnier.
Bei den Männern fällt die Bilanz ebenfalls gemischt aus. Daniel Altmaier verliert 40 Punkte, weil er sein Zweitrunden-Ergebnis aus dem Vorjahr nicht bestätigen konnte, hält sich im Live-Ranking aber zunächst noch auf Platz 44. Jan-Lennard Struff hingegen profitiert von seinem Punktestand aus dem vergangenen Jahr: Er hatte keine Zähler in Melbourne zu verteidigen, steigt trotz Erstrundenaus im Live-Ranking um zwei Plätze auf Rang 84.
Den größten Sprung im deutschen Herrenlager macht Yannick Hanfmann. Der Karlsruher hatte 2025 in Melbourne keine Punkte auf der Uhr und sammelt durch seinen Zweitrundeneinzug nun 40 Zähler für das Ranking ein. Im Live-Ranking geht es damit um neun Plätze nach oben auf Rang 93 – ein Lohn für zwei starke Auftritte und ein Zeichen, dass Hanfmann sich im erweiterten Top-100-Bereich stabilisieren kann.
Am Ende bleibt aus deutscher Sicht ein Australian-Open-Auftakt mit wenigen sportlichen Höhepunkten, aber vielen Konsequenzen für die Weltrangliste. Vor allem
Eva Lys steht nach dem abrupt beendeten Melbourne-Märchen vor der Herausforderung, aus einer schmerzhaften Niederlage den nächsten Entwicklungsschritt zu machen – die Erwartung, dass sie diesen Weg geht, ist trotz Rankingsturz größer denn je.
Zverev und Siegemund weiterhin als Hoffnungsträger
Ganz vorbei ist die deutsche Hoffnung in Melbourne aber noch lange nicht. Mit Laura Siegemund und
Alexander Zverev stehen weiterhin zwei deutsche Aushängeschilder im Feld – und beide haben in Runde eins starke Statements gesetzt. Siegemund rang die an Nummer 18 gesetzte Liudmila Samsonova nach 0:6, 2:5-Rückstand noch mit 0:6, 7:5, 6:4 nieder, wehrte dabei zwei Matchbälle ab und steht nach diesem Comeback nun auch im Live-Ranking als beste Deutsche vor Tatjana Maria und
Eva Lys. Zverev wiederum drehte seine Auftaktpartie gegen Gabriel Diallo nach verlorenem Tiebreak in ein 6:7 (1:7), 6:1, 6:4, 6:2 und unterstrich damit seine Rolle als deutsche Nummer eins und Mitfavorit auf den Titel. Für beide gilt: Der Start ist geglückt, die Formkurve zeigt nach oben – und die deutsche Tennisfans dürfen weiter auf tiefgehende Runs bei diesen
Australian Open hoffen.