Laura Siegemund hat bei den
Australian Open ein nahezu aussichtsloses Auftaktmatch in ein kleines Tennis-Wunder verwandelt. Die 37-Jährige gewann gegen die an Position 18 gesetzte
Liudmila Samsonova nach 0:6, 2:5-Rückstand noch mit 0:6, 7:5, 6:4 und ist damit als einzige deutsche Spielerin in die zweite Runde eingezogen.
Ein Start zum Vergessen, dann kippt das Spiel
Siegemund erwischte einen rabenschwarzen Beginn. Im ersten Satz fand sie kaum Mittel gegen die druckvolle Russin, machte viele Fehler und wirkte phasenweise überfordert. Nach gut einer Stunde Spielzeit schien die Partie entschieden: Samsonova führte 6:0, 5:2 und stand bei Siegemunds Aufschlag bei 15:30 kurz vor dem Ziel.
Doch statt die Niederlage nur noch zu verwalten, begann Siegemund, sich Punkt für Punkt zurückzuarbeiten. Sie pushte sich nach gelungenen Ballwechseln lautstark, ihre Körpersprache wurde mit jedem gewonnenen Spiel stabiler. Der Knackpunkt folgte wenig später: Beim Stand von 15:40 wehrte sie zwei Matchbälle ab, hielt ihren Aufschlag und setzte damit den Wendepunkt.
Slice, Nerven, Publikum – Siegemunds Rezept zum Comeback
Mit zunehmender Spieldauer fand die Deutsche ein Mittel, das Samsonova sichtbar nervte: ein flacher Vorhand-Slice, der immer wieder ins Netz oder nur unter Druck zurückkam. Während bei Samsonova die Frustration wuchs und die Körpersprache negativer wurde, bekam Siegemund Rückenwind von den Rängen. Das Publikum spürte die Dynamik – und mit fünf Spielen in Serie holte sich Siegemund den zweiten Satz noch mit 7:5.
Im dritten Durchgang schien Samsonova zunächst wieder die Kontrolle zu übernehmen und zog auf 3:1 davon. Doch erneut blieb Siegemund dran, setzte ein klares Signal mit einem Aufschlagspiel zu null und kämpfte sich zurück. Nach 2:31 Stunden verwandelte sie ihren ersten Matchball. Den Schlusspunkt setzte ausgerechnet Samsonova mit einer zu langen Vorhand.
Match Statistics Siegemund vs. Samsonova
| Siegemund |
VS |
Samsonova |
| 1 |
Aces |
2 |
| 3 |
Double Faults |
5 |
| 76% (68/89) |
1st Service Percentage |
67% (56/83) |
| 57% (39/68) |
1st Service Points Won |
64% (36/56) |
| 43% (9/21) |
2nd Service Points Won |
41% (11/27) |
| 60% (9/15) |
Break Points Saved |
29% (2/7) |
| 57% (8/14) |
Service Games |
64% (9/14) |
| 36% (20/56) |
1st Return Points Won |
43% (29/68) |
| 59% (16/27) |
2nd Return Points Won |
57% (12/21) |
Siegemund beschrieb die Achterbahnfahrt nach dem Match bei
Eurosport mit ungewohnter Offenheit. Sie habe unter „miserablen Bedingungen“ gespielt, sei „komplett perplex“ gewesen und Samsonova habe sie „fast an die Wand genagelt“. Trotzdem habe sie versucht, Ballwechsel für Ballwechsel zu spielen. Selbst Zweifel waren dabei: „Ich habe auch selber nicht mehr dran geglaubt“, sagte sie – bis ein paar gute Games kamen und die Gegnerin zu wackeln begann.
"Ich habe einfach aus miserablen Bedingungen nicht aufgegeben und mich irgendwie reingefightet. Vielleicht habe ich den Fehler gemacht, nie abends trainiert zu haben. Ich hatte mit allem Probleme, womit man Probleme haben kann. Ich war auch komplett perplex, wie Samsonova gespielt hat, sie hat mich fast an die Wand genagelt", sagte Siegemund im Interview. "Dann war es die alte Leier, ich habe irgendwie versucht, Ballwechsel für Ballwechsel zu spielen, aber selbst nicht mehr dran geglaubt." Und dennoch gab es die Wende. Siegemund weiter: "Ich war ganz lange nicht bei mir, weiß aber auch nicht, warum. Das hat mit dem Ergebnis wenig zu tun gehabt. Ich habe dann einfach immer weitergespielt. Die Fans haben dann natürlich enorm geholfen. Wenn man als Comebacker gehypet wird, ist es für die Gegnerin natürlich auch eklig. Ich habe dann auch ein bisschen brilliert, da sind die Fans dann auch abgegangen."
- Laura SiegemundBlick nach vorn
Siegemund, die Down Under bereits dreimal die dritte Runde erreicht hat und im Vorjahr mit dem Wimbledon-Viertelfinale für Aufsehen sorgte, will nun auch in Melbourne möglichst weit kommen. In der zweiten Runde trifft sie auf Maddison Inglis.