Der Kempener
Daniel Altmaier wurde als topgesetzter Spieler beim Neckarcup seiner Favoritenrolle zum Auftakt mit einem Zweisatzsieg gegen seinen Landsmann Marko Topo gerecht und ist in Heilbronn der einzig verbliebene DTB-Spieler im Feld, der noch eine realistische Chance auf Olympia in Paris hat. An seinem spielfreien Tag nahm sich der 25-jรคhrige Zeit zum Interview.
Drei deutsche
Davis Cup-Spieler waren nach Heilbronn ausgezogen, um die
letzte Chance fรผr eine Teilnahme beim olympischen Tennis-Turnier in
Paris zu wahren. Mit dem Karlsruher
Yannick Hanfmann, der sich als
Nummer 2 des Turniers zum Auftakt dem fรผr Groรbritannien startenden Jan
Choinski beugen musste, verabschiedete sich der erste Kandidat endgรผltig
aus dem Rennen. In Runde 2 erwischte es
Maximilian Marterer gegen den Paris-Shooting-Star Henri Squire
aus Duisburg, womit sich der Franke ziemlich sicher seiner letzten
Mรถglichkeit beraubt haben dรผrfte. Somit bleibt nur noch Daniel Altmaier
aus Kempen รผbrig, der mit einem Turniersieg seine letzte Chance auf
Olympia nutzen mรถchte. รber diese Mรถglichkeit und vor allem รผber
interessante Vergleiche aus Sรผdamerika sprach er unter anderem im
ausfรผhrlichen Interview
Vor zwei Jahren hast du dich mit dem Turniersieg hier erst mal Richtung ATP-Tour verabschiedet. Was hat dich dazu bewegt, wieder hier beim Neckarcup anzutreten?
Daniel Altmaier:" Im Ranking bin ich etwas abgerutscht und in Paris habe ich in der zweiten Runde verloren. Deshalb hat es sich fรผr mich angeboten, bei einem Turnier anzutreten, das ich schon mal gewonnen habe. Natรผrlich hรคtte ich diese Woche auch mal aussetzen kรถnnen, aber mit der letztmรถglichen Chance auf Olympia kam noch ein zusรคtzlicher Faktor dazu."
Wie bedeutend wรคre eine Teilnahme beim olympischen Tennisturnier fรผr dich?
DA:" Natรผrlich wรคre es superwichtig fรผr mich, das zu schaffen. Ich bin aber immer ein groรer Befรผrworter davon, mir deswegen keinen zusรคtzlichen Druck zu machen. Ich werde bei meinem nรคchsten Match auch alles geben, wie ich das immer versuche. Wenn es dann klappt, ist es eine super Sache. Wenn nicht, hat es diesmal ein anderer verdient und ich werde es dann in vier Jahren mit der gleichen Intensitรคt wieder probieren."
Im Februar letzten Jahres konntest du beim Davis-Cup-Heimspiel wertvolle Erfahrung im vertreten des Heimatlandes sammeln. Was nimmst du daraus mit fรผr einen eventuellen Start bei Olympia?
DA:" Es ist schon ein unbeschreibliches und emotionales Gefรผhl, wenn man merkt, dass das Publikum einen dafรผr respektiert, dass man nicht nur fรผr sich selbst sondern auch fรผr sein Land spielt. So eine Unterstรผtzung wรผrde man sich als einheimischer Spieler auch gerne รถfters bei Turnieren in Deutschland wรผnschen. Dies ist nicht als Kritik gemeint, zeigt aber, dass die Mentalitรคt diesbezรผglich hier anders ist als beispielsweise in Sรผdamerika."
Stichwort Sรผdamerika โ du hast seit einigen Jahren deinen Trainingsschwerpunkt nach Argentinien verlegt. Wie kannst du den Mentalitรคtsunterschied beschreiben?
DA: "In Sรผdamerika wird man als Athlet wesentlich mehr wertgeschรคtzt, vor allem auch seitens der Medien. Hier in Deutschland kรผmmern sich die Hauptmedien erst um einen Spieler, wenn man eine Sensation bei einem Grand-Slam-Turnier geschafft oder mal einen groรen Namen bei einem Turnier rausgenommen hat. Bei ESPN dagegen in den Social Media, das eine halbe Million Follower hat, bekommt jeder mit, wer ein Halbfinale bei einem Challenger gespielt hat. Diese Medienprรคsenz fehlt uns als Sportart Tennis in Deutschland. Der Markt fรผr Spieler im Bereich 50 bis 200 ist nicht so groร. Gestern habe ich hier als topgesetzter Spieler aus Deutschland vor 100 Zuschauern gespielt, in Buenos Aires als topgesetzter Argentinier wรผrde dies bestimmt vor 1500 Zuschauern passieren. Dort ist eine viel grรถรere Fokussierung auf den Spitzensport im Tennis, wรคhrend hier diesbezรผglich eher der Breitensport vorangetrieben wird."
Wie unterscheiden sich dabei die Zuschauer?
DA: "In Argentinien ist es fรผr den Zuschauer das oberste Prinzip, den heimischen Spieler bestmรถglich zu unterstรผtzen und am Ende auch als Sieger zu sehen. Ob dies auf souverรคne oder auch, ich nenn es mal, dreckige oder unschรถne Art und Weise zustande kommt, spielt dabei keine Rolle. Da wird es genauso wertgeschรคtzt, wenn der Spieler aufgrund leichter Fehler oder auch durch einem Doppelfehler seines Gegners das Match gewinnt und nicht nur, wenn man selbst eine Rรผckhand mit 200 auf die Linie setzt."
Welche Erfahrungen hast du dort selbst bei den Turnieren gemacht?
DA: "Vor zwei Jahren habe ich am Ende der Saison mal drei Challenger in Sรผdamerika gespielt, wovon ich zwei gewonnen und ein weiteres Halbfinale erreicht habe um mich wieder in die Top 80 zu spielen. Da habe ich von den Leuten eine sehr hohe Energie gespรผrt, weil die Leute respektiert hatten, dass da ein junger Spieler aus Deutschland spielt, der spanisch spricht und mit seiner Leistung auch Anerkennung verdient. Hier merkt man halt einen riesigen Unterschied. Ich bin in den letzten beiden Wochen dieselbe Person. Wenn ich aber auf dem Court Suzanne-Lenglen spiele, ist der mediale Hype ein ganz anderer, als wenn ich hier in Heilbronn spiele."
Du lebst zeitweise bei deinen Eltern in Deutschland, trainierst in Argentinien und verbringst mรถglichst viel Zeit bei deiner Freundin in Mexico. Siehst du dich da eher schon als Weltbรผrger?
DA: "Ich bin hier in Deutschland aufgewachsen, spiele schon immer fรผr die deutsche Flagge und auch fรผr das deutsche Davis Cup-Team und mรถchte mich fรผr mein Land bei Olympia qualifizieren. Daran wird sich auch nie was รคndern, egal wieviel ich mich aktuell in der Heimat aufhalte."
In Deutschland verschwinden in diesem Jahr alleine drei Challenger-Turniere von der Landkarte. Wie besorgniserregend ist diese Entwicklung?
DA: "Natรผrlich mรผsste der Fokus darauf liegen, mรถglichst viele solcher Turniere fรผr die deutschen Spieler anbieten zu kรถnnen. Es gibt aber in Deutschland keinen richtigen Markt fรผr solche Challenger-Turniere. Im Gegensatz zu Lรคndern wie Italien hat es bei uns keine Prioritรคt, welches Talent es als nรคchstes in die Top 10 schafft oder wieviele Spieler man im nรคchsten Jahr in die Top 100 bringen kann. Der Fokus bei uns im Tennis liegt eher auf den Medenspielen im Breitensport, aber nicht auf dem Spitzensport. Wenn wir so viele Challenger wie in Italien oder Frankreich hรคtten, wรผrde wahrscheinlich ein Marko Topo bereits in den Top 150 stehen und es wรผrden Spieler wie Mats Rosenkranz und Nicola Kuhn einfacher hochkommen. Und ein Timo Stodder, der es aus eigener Kraft bis auf Platz 260 geschafft hat und nur noch wenig von den Qualifikationsturnieren bei den Grand Slams entfernt war, hat nun aufgehรถrt, weil er es ohne Unterstรผtzung nicht mehr geschafft hat. So etwas macht mich traurig und wรผrde es in Italien nicht geben."
Wie sieht die weitere Turnierplanung nach dem Neckarcup aus?
DA: "Ich werde nach dem Turnier in Heilbronn mit Perugia und Sassuolo noch weitere Sandplatzturniere auf der ATP-Challenger-Tour spielen und die Rasen-Saison eher kurzhalten. In Stuttgart und Halle mรผsste ich in der Qualifikation antreten und zu den beiden Turnieren hatte ich keinen Kontakt bezรผglich einer Hauptfeld-Teilnahme. Deshalb macht es sportlich fรผr mich Sinn, auf Sand zu bleiben und meinem Kรถrper keinen groรen Stress mit einer schnellen Belag-Umstellung zuzumuten."
Wie geht es dann weiter Richtung Wimbledon?
DA: "Nach meinem Start in Sassuolo werde ich nach London reisen, wo ich ein Haus gemietet habe, und mich anders als in den letzten Jahren eine Woche lang intensiv darauf vorbereiten werde. In dieser Woche gibt es in London auch einige tolle Einladungsturniere. Vielleicht ergibt sich ja dort die Option, das ein oder andere Match in entspannter Atmosphรคre zu spielen."
Welche Ziele strebst du als nรคchsten Schritt in deiner Entwicklung an?
DA: "Die nรคchste Stufe meiner Entwicklung muss eindeutig der Aufstieg zu den 32 besten Spielern der Welt sein. Mit diesem Ranking ist man bei den Grand-Slam-Turnieren gesetzt und das macht einem das Leben dort wesentlich einfacher. Das kann auch mein Davis Cup-Kollege
Jan-Lennard Struff bestรคtigen, der da mal eine Weile rausgefallen ist und den Unterschied auch deutlich gemerkt hat."
Vielen Dank fรผr das Interview und weiterhin alles Gute zum Erreichen der sportlichen Ziele.